Blackglasses
 

Katzenminze

eine Kurzgeschichte von

Uwe Barth

© 2019

Das Licht dieses Wintermorgens schien der alten Dame in Ihrer Küche entgegen. Wie jeden Morgen, gänzlich unabhängig von Jahreszeiten oder Wetter, trat Sie als Erstes an die Spüle heran, füllte den Wasserkocher und schaltete ihn ein. Gleich darauf war das Radio dran, und leise Stimmen und Töne klangen auf. In Ihrer Routine so sicher, das sie kaum mehr hinsah, griff Sie als nächstes nach Kaffeekanne, Filterhalter, Filter, Kaffeepulver und Tasse, und schon bald darauf hielt Sie sich den frisch aufgebrühten Kaffee dicht unter Ihre Nase, atmete ein, und genoss den Duft, während das Radioprogramm die allzu schwer lastende Stille zurückdrängte.

Und wie jeden Morgen seit ... nun, seit Langem, trat Sie an das Fenster heran um hinauszublicken, noch bevor Sie den ersten Schluck zu sich nahm. Heute Morgen blinzelte Ihr die Sonne durch das nackte Geäst der Bäume am Grundstücksrand in frischen Gold- und Orange-tönen ins Gesicht. Silbern blitzten Schneeflocken auf ihrem Weg vom Himmel herab auf und ließen mal dieses oder jene Detail für kurze Momente unsichtbar werden.

Frieden. Ruhe und Frieden. In dieser kurzen Zeit am Morgen empfand Sie immer Ruhe und Frieden, ein kleiner Moment Glück. Der Rest des Tages hingegen hielt immer nur das Gefühl von Sinnlosigkeit oder Leere für Sie bereit.

Fast schon gegen Ihren Willen richtete Sie den Blick weiter hinunter zum Zaun. Speziell zu einem der breiten, massiven Holzpfosten, auf dem tatsächlich dieses schwarze Untier hockte. Wirklich viel war nicht zu erkennen, ein lichtloser Fleck mit zwei, grün strahlenden Punkten am oberen Ende. Unbeweglich und starr sahen diese Augen zu Ihr hinauf. Die ersten Male, als Sie den Schatten dort entdeckte, beschlich Sie etwas Furcht; uralte Geschichten, Märchen und Mythen öffneten den Raum für Phantasie und Aberglauben. Gerade einmal sieben Tage war sein erstes Erscheinen her. Seither war es immer das Gleiche: sie schaute hinunter, und erspähte den Schatten - von dem sie sich jedes einzelne Mal sagte, es sei nur eine Katze. Und So lange wie Sie nur hinschaute, starrten die grünen Augen zurück. Doch ein Blinzeln reichte schon, und ... es war nichts mehr zu sehen. Oder vielmehr, der schwarze, undurchdringliche Fleck war verschwunden und alles schien wieder normal. Und für den Rest des Tages zeigte er sich auch nicht wieder, wie oft sie auch suchen mochte.

*

Fast hätte sie über ihrem Starren und Nachdenken das leise Kratzen nicht gehört. Die Katze dort draußen war nämlich nicht das Einzige, was sich vor einer Woche in ihrem Leben verändert hatte. Ein leises Geräusch erklang, irgendwie unbestimmbar in Art und Ursache, immer, während sie die Katze — es war ganz sicher eine Katze — betrachtete. Und immer aus Richtung Etagentür. Doch heute war sie vorbereitet.

So rasch es ihr nur möglich war ging sie durch den kleinen Flur, riss die Türe zum Treppenhaus auf und sah vor sich ... erst einmal nichts. Hausflur und Treppenhaus waren nur schwach erleuchtet und ihre Augen mochten sich nach dem hellen Morgenlicht ihrem Gefühl der Eile einfach nicht anschließen. So brauchte es eine kleine Weile bis sie die einzelnen Dinge erkennen und unterscheiden konnte. Dann jedoch fand Sie auch an diesem siebenten Morgen ein kleines Päckchen auf ihrer Fußmatte liegen.

Sie nahm es auf, es war leicht, ebenso wie die vorangegangenen, und trug es zum Küchentisch. Und ebenso wie die vorangegangenen Päckchen enthielt es ein Stück Gebäck. Sieben Stück Gebäck an ebenso vielen Morgen. Den Reigen eröffnet hatte ein Puderzucker-bestäubter Berliner. Dann, in der Reihenfolge ihres weiteren Erscheinens waren eine Zuckerbrezel, ein Amerikaner, eine Nussecke, eine Mohnschnecke und ein Stück Marzipankuchen hinzugekommen. Alle vereint lagen sie nun zusammen im Kühlschrank.

Die ersten Male war sie noch von einer Falschlieferung ausgegangen, deswegen waren die Leckereien von ihr unangetastet geblieben. Freilich führte auch keine der Kreationen sie ernsthaft in Versuchung. Dann war ihr das Fehlen jeglicher Werbung aufgefallen. Weder auf den kleinen Schachteln noch sonst wo gab es einen Hinweis auf den Urheber.

Heute Morgen fand sich in der rot-weiß-gestreiften Schachtel eine große Zimtrolle. In ihrer Größe ungewöhnlich verströmte die Zimtrolle einen warmen, überaus angenehmen Duft. Für die alte Dame schier unwiderstehlich. Sie nahm die Rolle aus der Schachtel und hielt sie sich dicht unter ihre Nase, ganz wie nur Minuten zuvor den Kaffee. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, begleitet von zwei Tränen, die ihren Augen entschlüpft waren.

*

Gleich war es soweit. Nur noch Minuten, bis sie den ersten Bissen von der Zimtrolle genießen würde. Das erste Mal seit Jahren war zum Nachmittag der Tisch im Wohnzimmer eingedeckt. Komplett mit einem grünen Tischtuch aus dicht gewebtem Stoff und mit einer festen Borte in noch dunklerem Grün. Darüber ein kleineres weißes Tuch mit bunten Stickereien in Form von Tannenbäumen, Schneemännern, Sternen und anderem mehr. Darauf ein flacher, massiv und schwer wirkender goldener Untersetzer für die rote, mit gold-weißen Putten verzierte Kerze. So dick geraten war diese Kerze, das nur eine sehr große Hand sie vollständig umfassen konnte, mit einem Docht versehen, der die gute Qualität deutlich unterstrich. Dazu gesellte sich ein Ensemble des guten Geschirrs.

Die frisch gefüllte Kaffeekanne aus altem Porzelan fest in ihrer Hand ging ihr Blick wie von selber zum Küchenfenster hinaus. Mit einem Ruck blieb sie stehen, denn unerwartet erblickte sie dort draußen den schwarzen Schatten, und grünes Feuer loderte ihr entgegen.

Fast hätte sie vor Schreck die gute Kanne fallen lassen, doch sie musste blinzeln ... und weg war die Erscheinung. Noch immer unschlüssig durch das gerade Erlebte, hörte sie mittlerweile vertrautes Rumoren von der Etagentür her, vermochte es aber wieder nicht einzuordnen.

Dann jedoch gesellten sich weitere Geräusche dazu, ein tiefes Brummen, das Knarzen von Holzboden, leises Geflüster, ... nein, lautes Geflüster, sonst würde sie es ja nicht hören können... und dann ein zaghaftes Klopfen, ein weiteres davon, und noch eines, doch das hier schon mutiger.

*

Mit der schweren Kanne in der Hand öffnete die alte Dame die Etagentür vorsichtig einen kleinen Spalt. Kaum getan, drückte etwas die Tür sehr bestimmt weiter auf. Dieses Etwas, ein großer schwarzer Fleck mit grünen Sternen mittendrin, schob sich mir nichts dir nichts herein, dann an ihr vorbei, zielstrebig in Richtung Wohnzimmer. Als Nächstes folgte ein roter Wuschelkopf auf etwa einem Meter Höhe, der einen zweiten Wuschelkopf — genauso rot, doch diesmal auf Augenhöhe — am Arm hinter sich herzog. Gekicher und Geflüster begleitete die beiden Rotschöpfe auf ihrem Weg, nach einem Abstecher zum Kühlschrank, ins Wohnzimmer.

Immer noch an der Türe stehend, die schwere Kanne in der Hand, war die alte Dame wie erstarrt. Tick, tack, tick, tack,... immer weiter auf die Wohnzimmertüre starrend. Da streckte der große Rotschopf ihren Kopf heraus, schräg, als zöge sie etwas zurück, präsentierte ein freches Grinsen in ihrem Gesicht und lachte die alte Dame an: »Kommst du endlich?«

Ende

Widmung

Für K., treue Freundin und Ratgeberin, die die folgenden Begriffe vorgegeben hat: alte Dame, Radio, Zimtrollen, Katze.