Blackglasses
 

Der magische Füller

eine Erzählung von

Sebastian Domke

© 2019

Rufus umklammerte den Griff des Knippchens so fest, dass seine Finger knackten. Mit angehaltenem Atem durchtrennte er den Hals des Weihnachtsmannes und schnalzte mit der Zunge. Bei dieser chirurgischen Präzision wäre selbst ein Chirurg auf Chefarzt-Niveau neidisch geworden. Köpfe mochte er immer noch am liebsten. Zufrieden versank er in den Tiefen seines Ohrensessels.

Vielleicht war seine Weihnachtsmannhinrichtung ein wenig sadistisch, aber am Ende war es ja nur ein Schokoladenwesen. Rufus empfand kein Mitleid. Nicht für Mr. Schoko und schon gar nicht für die powershoppenden Idioten da draußen. Nur konnte er denen schlecht den Kopf abschneiden.

Die 24 Weihnachtsmänner hatte er akkurat auf dem Wohnzimmertisch drapiert. Nur noch ein Kopf fehlte.

Rufus rieb sich das Kinn. Wenn den Irren da draußen der Kaufrausch nicht genug war, war das ihr Problem. Er jedenfalls war sich selbst genug.

Nervös rieb er sich die Hände und beäugte die kleine Holzschachtel, die in ihrem grünen Geschenkkostüm auf dem Sofa lag und auf die Erlösung wartete.

Schon bald. Schon bald würde der magische Inhalt frei sein.

Ding. Ding. Ding.

Das konnte nur Miyu sein. Wenn seine japanische Nachbarin schellte, dann immer dreimal kurz wie die ersten Signale des SOS-Signals.

Hm. Rufus könnte es ignorieren, nur ließ sich sein Gewissen gerade nicht ausblenden. Sicher war es nicht verkehrt, dem einzigen menschlichen Wesen, das ihm im Alltag über den Weg lief, Aufmerksamkeit zu schenken.

Er griff in die Ritze neben dem Sitzpolster, zog den Schalter für die Lichterkette heraus und ließ den Weihnachtsbaum erstrahlen.

Man konnte ja nie wissen. Vielleicht würde er Miyu hereinbitten und fragen, ob sie ihm Gesellschaft leistete.

Rufus lächelte. Das Beste an seinem Tannenbaum war immer noch die Totenkopfspitze.Er streckte die Arme und erhob sich. In gewohnter Langsamkeit bewegte er sich auf die Tür zu und wartete.

Eins. Zwei …

Ding. Ding. Ding. Die zweite Salve. Er wusste nicht genau, warum er immer so lange warten musste. Womöglich, weil er Beharrlichkeit ebenso schätzte wie er es verabscheute, genervt zu werden. So dauerte es immer eine Weile, bis er Miyu öffnete. Diese Widersprüchlichkeit! Beharrlichkeit und Nervigkeit, Souveränität und Verrücktheit. Das alles und viel mehr war sie. Miyu war Yin und Yang.

Rufus öffnete und erstarrte. Es machte ihm keineswegs etwas aus, wenn Miyu ihre Bambussandalen trug, aber jetzt kreuzte sie auch noch im Kimono auf.

»Sei gegrüßt, Rufus. Wärst du damit einverstanden, wenn ich im Treppenhaus einen Zen-Garten anlege?«

Rufus kratzte sich am Kopf. Was zu viel war, war zu viel. Ohne ein Wort schlug er ihr die Tür vor der Nase zu. Einen Zen-Garten. Pah. Er hatte schon mit seinem Weihnachtsbaum zu kämpfen, und sie wollte im Hausflur einen Garten anlegen! Spann die jetzt total? Fehlte noch, dass sie das Haus in ein Tokio-Hotel verwandelt! Es reichte schon, dass sie auf der Dachterrasse Tauben verköstigte. Irgendwann ist mal Schluss.

Kopfschüttelnd ging er zurück ins Wohnzimmer.

*

Nanu? Wo war sein Weihnachtsgeschenk?

Von der Sesselfläche war es verschwunden. Hatte er es vielleicht gedankenverloren auf der Kommode im Flur abgelegt? Rufus lief auf und ab, öffnete Schubladen und Schränke, riss Papierstapel heraus und schüttete sie auf den Boden.

Sein Pullover klebte am Körper. Schweiß rann ihm über die Stirn. Verdammt. Das war ein Montblanc. Ein verdammter Montblanc. Der Ferrari unter den Füllern.

Rufus krempelte die Arme hoch. Der Füller musste auf dem Weg zur Tür abhandengekommen sein. Immer wieder schritt er den Weg ab und sondierte aufmerksam die Umgebung. Unglaublich. Das konnte, nicht, das durfte einfach nicht sein.

Rufus zog das Sofa von der Wand weg, legte sich auf den Bauch und linste zwischen den Spalt unter dem Möbel. Nichts. Aber. Da. Da war ja doch was. Der Füller. Aber er war unverpackt. Wie war er nur dort hingekommen? Das konnte doch nicht wahr sein. Rufus streckte seine Finger so weit wie möglich und schürfte sich den Unterarm auf, und dann hatte er ihn. Aber. Oh. Das war ein billiges Modell. Das war doch der Füller, den er vor Jahren verloren hatte.

Rufus strömten Tränen über die Wangen. Er wusste nicht, ob es Tränen der Freude oder der Verzweiflung waren. Der Montblanc war das Größte, aber sein alter Füller »Peter Pen« war viele Jahre sein engster Vertrauter und Freund gewesen. Lachend lehnte er sich gegen die Sofakante und wischte sich mit dem Saum seines Pullovers das Gesicht trocken.

Rufus rieb sich die Augen. Er hatte ein aufgeräumtes Zimmer in eine Müllkippe verwandelt. Überall lag Zeug herum. Die Fläche unter dem Sofa war seine letzte Hoffnung gewesen. Nun denn. Einen Füller hatte er. Sicher war das ein Wink des Schicksals.

Peter Pen war wieder da. Das war doch ein Grund, Weihnachten zu feiern. Summend hob Rufus die Papiere vom Boden, räumte alles an seinen Platz zurück und saugte. Als handele es sich um ein heiliges Relikt, reinigte er Peter Pen mit einem feuchten Tuch, trocknete ihn sorgfältig ab und legte ihn in die Mitte des Tisches.

Verträumt wiegte er den letzten Weihnachtsmann in den Händen. Weißt du was, kleiner Mann? Vielleicht habe ich morgen gute Laune und lasse dir deinen Kopf.

*

Am nächsten Tag entspannte er sich im Ohrensessel. Bis 16 Uhr würde er warten. Das Briefpapier hatte er schon bereitgelegt. Wie jedes Jahr würde er einen Brief schreiben. Niemand hatte damit so viel Erfahrung wie Peter Pen. Rufus musste doch Gott berichten, das hatte er doch versprochen.

Er zückte seine Armbanduhr. Nur noch zehn Minuten, dann …

Ding. Ding. Ding.Diesmal wartete er nicht bis zur zweiten Salve. Rufus hetzte zur Tür und riss sie auf. Er würde Miyu auffordern, ihn in Ruhe zu lassen.

Rufus Kinnlade klappte herunter. Alles im Treppenhaus war grün, überall hingen Tannenzweige an den Wänden und an der Wand zwischen ihren Wohnungen stand eine Reihe Topfpflanzen, die er noch nie gesehen hatte – mit himmelblauen, löwenzahngelben und kirschroten Blüten.

Es war verrückt, aber es war auch wunderschön.

»Frohe Weihnachten Rufus«, hauchte sie. »Niemand sollte Weihnachten alleine sein. Darf ich reinkommen?« Rufus brachte kein Wort hervor und trat einen Schritt nach hinten, was Miyu als Aufforderung verstand, sein Domizil zu betreten.

»Schöne Wohnung, nur etwas karg«, sagte sie, als sie durch die Räume schritt.

»Komm bitte ins Wohnzimmer.«

Miyu schwebte eher, als dass sie ging. Ihr Kimono spannte sich an der Brust, als sie sich aufs Sofa setzte. Rufus schluckte.Sie wandte sich zum Weihnachtsbaum in der Ecke und erstarrte kurz, fließend ging ihre Mimik wieder in ein Lächeln über.

»Sie mögen Weihnachten nicht. Ich habe noch nie eine solche Weihnachtsbaumspitze gesehen.«

»Es ist kompliziert«, flüsterte er und ließ sich mit eingesackten Schultern in den Sessel fallen.

»Und die geköpften Weihnachtsmänner? Was soll das?«

»Mein morbider Adventskalender.« Rufus lachte zynisch.»Ich habe vor Jahren meine Freundin verloren. Sie war sehr krank.«

Miyu legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel.

»Das tut mir leid.«

»Ich hatte alle Hoffnung verloren und Gott gesagt, dass er seine Arbeit nicht richtig macht. Und ich habe ihmgeschworen, dass ich ihm jedes Jahr nach Weihnachten einen Brief schreibe. Über die Lage der Welt, über Kriege,Krankheiten und Ungerechtigkeiten. Einer muss ja aufpassen.«

»Und dann?« Miyu stützte ihr Kinn auf die Handfläche. Ihre Augen schimmerten feucht.

»Nun, er hat mir nicht widersprochen, und seitdem schreibe ich für ihn jedes Jahr einen Brief.«

Miyus Mundwinkel zuckten.

»Das klingt wie Arbeit. Aber es ist ein sehr netter Gedanke.«

Rufus verlagerte immer wieder das Gewicht, doch er fand keine ruhige Position. Sein Hals wurde trocken und sein Gesicht glühte. Sie zog etwas Winziges aus der Tasche, das mit blauer Seide umwickelt war. »Ich habe ein Geschenk für dich. Bitte öffne es!« Miyu reichte es ihm.

Rufus zögerte, ergriff es und löste den Seidenknoten. Er musste die Augen zusammenkneifen, so hell war es. Rufus blinzelte. Erst einmal, dann zweimal und dann sah er es. Es war ein Glas, unterteilt in zwei Hälften. In der einen brandeten mächtige Wellen unter einem Nachthimmel, in der anderen strahlte die Sonne über einem glatten See, den winzige Vögel umkreisten.

»Das ist, das ist … Magie.« Miyu nickte.

»Nicht nur. Das ist das Leben. Stress und Entspannung. Drehe bitte das Glas, Rufus.«

Rufus kippte es zur Seite und plötzlich stieben Flocken umher, er kippte es zur anderen Seite und das Gleiche geschah.

»Du musste es gerade halten.« Rufus stellte es sorgfältig neben den Füller auf den Tisch und in wenigen Sekunden setzten sich die wild umherwirbelnden Punkte zu den Ursprungsbildern zusammen.

»Das ist wunderschön«, flüsterte er. Miyu strich ihm über die Schulter.

»Weißt du, auch ich habe jemanden verloren. Meinen Mann und meine Tochter. In Japan. Vor elf Jahren.« Tränen strömten über ihre Wangen. Rufus strich ihr über den Rücken und reichte ihr ein Taschentuch. »Rufus, machst du die Lichter vom Baum aus? Mir ist nicht nach Weihnachten.»

Rufus griff zwischen Lehne und Polster und tastete nach dem Lichtschalter. Oh. Zwischen seinen Fingern knisterte es. Der Montblanc. Unglaublich. Er löschte das Licht und hielt das Geschenk fest in der Hand.

»Es ist so lange her. Weißt du noch, du warst wütend über die Tauben?« Rufus nickte. Miyu senkte den Blick. »Ich halte Tauben, rede mit ihnen und schicke sie mit einer Botschaft für meine Tochter und meinen Mann auf die Reise. Jede Woche.«

Rufus hob die Brauen.

»Du denkst vielleicht, dass ich verrückt bin. Ich glaube, dass Tauben magisch sind. Tja, so bin ich halt.« Miyu zuckte mit den Achseln und lächelte halb.

Rufus rieb sich mit den Fingern über die Stirn. Weihnachten krönte viele Sieger. Diejenigen, die jemanden verloren hatten und einsam waren, waren die großen Verlierer. Wie Miyu und er. Es sei denn …

»Miyu, ich hab auch was für dich!« Seine Nachbarin runzelte die Stirn, nahm die kleine Verpackung entgegen und öffnete sie sorgfältig.

Mit offenem Mund starrte sie auf den goldenen Füller. »Ein Montblanc! Mein Großvater hat einst einen besessen. Das ist zu wertvoll, das …«

Rufus legte die Finger auf die Lippen und deutete auf seinen treuen Füller Peter Pen.»Lass uns gemeinsam einen Brief an Gott schreiben. Jetzt.«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Rufus knuffte ihr in die Seite. »Du sollst ja auch nichts sagen, du sollst schreiben.«Rufus reichte ihr Briefpapier, und sie schrieben, dass sie dabei die Zeit vergaßen. Als Rufus den letzten Satz beendet hatte, hob er den Kopf.

Wie schön sie doch war. Ihre sinnlichen, angespannten Lippen, ihre elegante Schrift, wie ein Mundwinkel gelegentlich zuckte, ihr Zopf, der mit jedem Schriftzug hin- und herschwang.

»Rufus?« Rufus blickte auf. »Ich bin fertig.« Er nickte.

»Ich auch.«

Miyu drückte ihm ihren Brief in die Hand.

»Komm! Lass uns auf die Dachterrasse gehen.« Rufus reichte ihr einen Mantel und streifte sich eine Daunenjacke über.

Auf der Dachterrasse zog der Wind an ihren Haaren. Gurr. Gurr. Gurr. In dem kleinen Taubenschlag saß eine weiße Taube. Miyu grinste.

»Wusstest du eigentlich, dass Japaner im Alltag ihre wahren Emotionen verbergen?«

»Ja, ich hörte davon. Aber du hast geweint.«

»Es ist...« Miyus Augen glänzten verträumt. »Es ist, weil ich dir vertraue, ich kann so sein, wie ich bin.«

Wieder gurrte die Taube. Rufus faltete die Briefe in seinen Händen.

»Du hast doch gesagt, Tauben seien magische Tiere. Vielleicht finden sie unseren himmlischen Empfänger?«

Miyu lächelte. Rufus näherte sich der Taube. Ihre Flügel flatterten.

»Warte. Ich mach das«, sagte Miyu. Als sie die Briefe an sich nahm, berührten sie zärtlich seine Hand.Miyu faltete die Papiere und befestigte sie am Fußring.

»Heute ist ein milder Dezembertag, mein Freund. Möchtest du dem Himmel eine Nachricht überbringen?«

Gurr. Gurr. Die Taube erhob sich in die Lüfte und flog auf den Horizont zu. Weit entfernt läuteten Kirchenglocken.

Miyu wandte sich ihm zu und strich ihm mit der Hand über die Wange. Dann drückte sie ihre Lippen auf seine und die Zeit hielt den Atem an.

Es war Weihnachten.

Ende