Blackglasses
 

Der letzte Fahrgast

eine Kurzgeschichte von

Uwe Barth

© 2017

Ein Spaziergang

Innere Unruhe hatte ihn aus seiner Wohnung getrieben. In der Hoffnung, dass die Bewegung ihn beruhigen würde, hatte er sich entschlossen spazieren zu gehen. Kaum war ihm die Idee in den Sinn gekommen, war er — entgegen seiner ihm sonst anhaftenden Trägheit — schon draußen. Und wie von selbst lenkten ihn seine Schritte in Richtung des Marktes, der an diesem Halbfeiertag noch die eine oder andere Stunde geöffnet sein mochte.

Von der Turmuhr der Kirche schlug es gerade die zwölfte Stunde des Tages. Was bedeutete, das die Buden mit dem Krimskrams, den Socken und Handschuhen, dem Holzspielzeug und wundervoll geformten und farbenfrohen Kerzen bald verrammelt und dicht gemacht wurden. Lediglich die Fressbuden und — natürlich — die Glühweinstände würden dann noch ein oder zwei Stunden darüber hinaus geöffnet sein. Nun, es würde noch ganz bequem für eine gemütliche Runde über den Markt reichen, damit er sich ein weiteres Mal an den vielfältigen Auslagen erfreuen konnte. Nicht dass er das Bedürfnis verspürte etwas zu kaufen, nein, das Anschauen genügte ihm vollauf.

Als er den Markt erreichte überraschte ihn die Masse an Leibern, die zwischen den Buden eingekeilt waren, doch etwas. Zu dieser Zeit, so kurz vor Ende des Marktes überhaupt, hatte er nicht mit einem solchen Andrang gerechnet. Dann, noch immer am Rand der letzten Straße stehend, die Ihn vom Markt noch trennte, und nachdem er sich das Treiben eine Weile angeschaut hatte, erkannte er das Muster: große unbewegliche Trauben von Menschen um die Glühweinstände, Andrang bei den Fressbuden und deutlich weniger Besucher an den Verkaufsständen. Die zu erreichen oder wieder vom Markt zu kommen, ohne sich durch die Menschentrauben quetschen zu müssen, war eine Kunst. Eine Kunst, so meinte er jetzt ebenfalls zu erkennen, die nur von wenigen der Geschenkekäufer beherrscht wurde. Aber vielleicht irrte er auch, und diejenigen, die da schnurgerade auf das dichteste Getümmel zuhielten, hatten ja doch Glühwein, Punsch oder heiße Schokolade im Sinn.

Schlittenfahrt

Bald darauf hatte er sich einen Weg auf und über den Markt zurechtgelegt und er schickte sich an, die Straße gleich an dieser Stelle zu überqueren. Und just diesen Moment suchte sich der Himmel aus, weitere Heere von Schneeflocken zur Erde niederzusenden. Und was für welche das waren: kleine, glitzernde Sterne mischten sich mutig unter wahre Eisriesen, welche das Sonnenlicht gleißend weiß und blendend reflektierten. Und so dauerte es nur die Länge von ein, zwei Gedanken, da hatte sich ein funkelnder, makelloser Teppich über Landschaft und Dächer gelegt. Und mit einem Mal schwand der sonst so stete Geräuschpegel der Stadt, des Verkehrs und des Trubels auf dem Markt, und zurück blieb nur ein leises Wispern, das von Geheimnissen kündete.

Fast schien es Ihm zu schade, die nun so unberührt wirkenden Flächen zu zerstören. Doch gleichermaßen reizte es ihn wie in seinen Kindertagen der Erste zu sein, der eine einsame Spur im frisch gefallenen Schnee hinterließ. Den Fuß schon erhoben und über der jetzt unsichtbaren Straße schwebend nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Mutter und Kind auf einem Schlitten hatte der Neuschnee ein schnelles und auch weites Gleiten von dem leichten Hügel zu seiner Linken beschert, was die beiden mit fröhlichem Jauchzen belohnten. Bis an den Straßenrand und noch ein bisschen weiter waren sie gekommen. Und dann sah er diesen Bus und der Schrecken fuhr in seine Glieder! Das Fahrzeug näherte sich dem Schlitten und seinen Passagieren viel zu schnell; und er hatte nicht den Eindruck, das der Fahrer das unerwartete Hindernis auf der Straße überhaupt bemerkte. Und dann war der Bus auch schon heran und ... an ihm vorbei, lautlos, geradezu gespenstisch, und er hörte wieder das Auflachen und Geqwieke der Beiden.

Stille Nacht

Seine Schrecksekunde deutlich ausdehnend hielt er noch immer den Fuß über der Straße. Im Zweifel über das, was er gesehen hatte vermochte er es gerade nicht, sich wieder zu bewegen. Eine volle Minute starrte er auf die Frau, das Kind, den Schlitten, so das die Mutter es schließlich bemerkte. Und dann waren sie weg, einige Dutzend Meter weiter gegangen, bevor er in die Welt zurückfand. Er setzte den Fuß endlich auf die Straße, machte einen weiteren Schritt und noch einen, und als er den Markt erreichte, hatte er sich schon erfolgreich davon überzeugt, dass das wilde Schneetreiben ihm etwas vorgegaukelt hatte.

Der frische Schnee wirkte seinen Zauber für die kleine Budenstadt. Die Stimmen und sonst so nervigen Lieder aus überlauten Boxen dämpfend, und die blinkenden Lichter und bunten Farben der Auslagen so wunderschön hervorhebend, bereitete ihm dieser weiterhin dichte und anhaltende Schneefall ein unerwartetes und hochgeschätztes Geschenk! Den Schrecken vergessend wanderte er über den Markt, hörte Glockenspiel und Gekicher hier, genussvolles Schmatzen dort, und gönnte sich letztendlich auch heißen Kakao, Poffertjes mit zerlassener Butter, und besorgte verschiedene Lakritz- und Bonbonsorten, die man eben nur auf einem solchen Markt finden konnte.

Zum Ende des Marktes war das Tageslicht schon entschwunden und die vielen Laternen markierten mit ihrem Licht Inseln von immer noch fallendem Schnee. Er war leicht müde, doch die Unruhe, welche ihn aus dem Haus getrieben hatte, war ebenso verschwunden wie das Tageslicht. Er schaute sich um, und sah nicht weit entfernt eine überdachte Haltestelle. Nur kurz an den Schrecken vor ein paar Stunden erinnert ging er dorthin, und angekommen wischte er den wenigen Schnee von der Bank, um sich anschließend zu setzten. Die Ruhe und das wundervolle Schauspiel, das die Schneeflocken aufführten, genießend, erblickte er weiter die Straße hinunter einen wartenden Bus. Wie es ihm schien, war es derselbe, der ihm vorhin diesen Schrecken eingejagt hatte. Ja, da war er sich sicher. Und während die letzten Passanten eilig ihren Weg zu Fuß suchten, entschied er für sich, diesen Bus zu nehmen. Es war nicht weit nach Hause, doch ihm war nach Ruhe und Bequemlichkeit. Und überhaupt zog ihn der Anblick der langsam im Schnee versinkenden und jede Minute weiter an Konturen verlierenden Budenstadt in ihren Bann. Und so überließ er sich willig seinen Träumereien...

Abfahrt

Langsam setzte der Bus sich in Bewegung, um seinen letzten Fahrgast für diesen Abend aufzunehmen. Niemand bemerkte das Gefährt dabei, was nicht so sehr verwunderte, es war schlicht niemand da der es hätte bemerken können. Doch selbst der Schnee, der sich nun doch schon stolze sieben und einen halben Zeniimeter hoch auf der Straße abgelegt hatte, ignorierte den Bus so vollständig, dass er sich weigerte, auch nur den geringsten Abdruck der großen Räder anzunehmen, geschweige denn eine ganze Spur.

An der Haltestelle angekommen öffnete sich die Tür um den Fahrgast einzulassen. Und von der nahen Turmuhr war erneut der erste Glockenschlag von zwölfen zu hören, welche nun die Mitternacht und damit den Beginn des neuen Tages ankündigten.

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