Blackglasses
 

Aideline

eine Kurzgeschichte von

Uwe Barth

© 2020

Lebhaft

Klirrr. Mit einem lauten Scheppern ging der Teller zu Bruch!

„Lisette!“, schrie Lissis Mutter Katherine ihrer Tochter hinterher, die bereits durch die Küchentür verschwand. Dann fühlte sie einen heftigen Ruck, als Lissis jüngerer Zwillingsbruder — Lissi bestand immer vehement auf dieser Feststellung — mit viel Tempo gegen sie rempelte, sich von ihr abstieß und die Verfolgung fortsetzte. „Lysander!“

Ihre Kinder waren lebhaft, dachte Katherine, aber manchmal war es einfach zu viel. Und jetzt war so ein ‚Manchmal‘. Normalerweise tobten sich die beiden draußen aus, aber das Wetter spielte seit Tagen nicht mit. Also stellte sich Katherine in die Küchentür, und schnappte sich mit geübtem Griff und je einer Hand die beiden Übeltäter, als sie das nächste Mal vorbeiflitzen wollten.

Sie mochte die beiden nicht bestrafen, aber Konsequenzen waren angesagt. Andernfalls... nein, das andernfalls wollte sie sich gar nicht vorstellen.

„Lisette, Lysander.“ Sie sprach in einem ruhigen, fast schon neutralem Tonfall, der die Zwillinge auf der Stelle ruhig werden lies. Große, unschuldig wirkende Augen blickten zu Katherine empor und die zwei erwarteten schweigend den Urteilsspruch. Jeder weitere Widerstand, so wussten es beide, würde nur zu einer Verschärfung der Strafe führen. Ebenso wie jeder Versuch einer Verteidigung, wo ihre Mutter nicht nur Opfer sondern auch direkte Zeugin Ihrer Missetat war.

„Wenn ich es recht bedenke“, begann Katherine, „hat eure Großmutter Aideline euch länger nicht gesehen.“ Die Augen der Kinder wurden groß.

Eine Stunde später standen Lisette und Lysander vor der schweren Holztür von Großmutter Aidelines uraltem Haus und ließen den schweren Klopfer ihre Ankunft verkünden. Die Türe öffnete sich geräuschlos und unverzüglich sie einzulassen. Und kaum hatten sie das Haus betreten, da schloss sich die Türe in derselben Weise. Und ganz von alleine, denn außer ihnen beiden war niemand im Flur. Beide sahen sich mit aufgerissenen Augen an, während sie ihre Regenjacken ablegten.

„Kommt näher, Kinder.“, erklang die Stimme von Großmutter Aideline von weiter drinnen. Und bald standen sie vor Ihr. Die Großmutter saß aufrecht in einem hohen Lehnstuhl und schaute auf die beiden Neunjährigen hinunter. „Nehmt Platz. Bedient euch.“, sprach sie, und deutete mit einer knappen Geste auf zwei dicke Kissen zu ihren Füßen und zwei Becher voll mit dampfendem Kakao auf einem niedrigen Tisch.

„Ich werde euch eine Geschichte erzählen."

Eine Geschichte

„Vor vielen, vielen Jahren hat es sich zugetragen. Ein kleines Mädchen hier im Ort — wir wollen Sie Sarah nennen —, war recht wild und gern und oft zu Streichen aufgelegt. Sie war gescheit, doch auf eine Weise vorwitzig, welche den Erwachsenen nicht gefiel. Und die anderen Kinder mochten sie nicht sonderlich, wurden sie doch, wenn auch nicht oft, und obwohl unschuldig, für Streiche bestraft, die nicht sie begangen hatten.“

Großmutter Aideline schwieg einen langen Moment und ihr Blick richtete sich in die Vergangenheit um sich an die Ereignisse zu erinnern.

„Und eines Tages kam es wie es wohl kommen musste.“, fuhr die Großmutter fort. „An einem Wintertag mit viel Neuschnee, als wieder einmal andere für Sarahs Taten zu büßen hatten, schlossen sich die anderen Kinder zusammen und suchten sie. Sicher wollten sie Sarah nur eine Abreibung verpassen, doch das Schicksal....“ Der letzte Teil kam nur noch gemurmelt aus Aidelines Mund.

„Nun, ja, Sarah sah sie über die Wiese auf sich zukommen, und sie ahnte wohl voraus, was ihr zugedacht war. Und — welches Kind würde das dann nicht tun — sie rannte los. Oh, sie war schnell. Doch die anderen waren viele. Alle anderen Kinder des Ortes hatten sich zusammengetan, so schien es ihr. Und so trieben sie die kleine Sarah langsam in die Enge und kamen ihr immer näher.“

Wieder machte die Großmutter eine lange, lange Pause. So lang, das Lisette es endlich nicht mehr aushielt: „Und dann?“, fragte sie.

„Ach, ja. Am Ortsrand gab es ein Haus, groß und dunkel und unter Bäumen am unteren Ende eines steilen Grates gelegen. Nie ging dort jemand freiwillig hin. Zwar brannte dort hin und wieder ein Licht, oder jemand sah Rauch aus dem Kamin kommen, aber keiner wusste genau zu sagen, wer oder was dort wohl hauste. Oh, es gab Gerüchte. Über einen riesigen Hund oder gar ein Wolfsungetüm. Aber keiner wusste Genaues.“

Wieder gab es eine Pause.

„Als Sarah einsah, das sie den anderen so einfach nicht entkommen konnte, wählte die Unglückliche den Weg über den Grat. Sie hatte wohl gedacht, das die anderen Kinder die Nähe zum dunklen Hof, wie sie es nannten, abschrecken würde und sie die Verfolgung abbrechen würden. Doch an diesem Abend, es war bereits dunkel geworden, hatte sie das Glück verlassen, und ihre Verfolger kamen hinter ihr den Grat herauf. “

Aideline seufzte schwer. Dann nahm sie eine Tasse Tee vom Tisch auf, und trank einen Schluck. Die Tasse weiter in den Händen haltend erzählte sie schließlich die Geschichte weiter.

„Die Kinder hinter Sarah hörten ein lautes Kreischen, gerade in dem Moment, da Sarah die Höhe über dem dunklen Haus erreicht hatte. Dann einen entsetzten Schrei. Und als sie schließlich selber oben angelangt waren und hinunter blicken konnten, da ...“

Lysander bemerkte die Tränen in den Augen seiner Großmutter zuerst, er streckte eine Hand nach seiner Schwester aus, die sie bald darauf fest umklammert hielt.

„Da war dieses riesige Tier, schwärzer als die Nacht ringsherum, mit Augen die rot glühend schienen und Zähnen so lang wie ein Messer. Sarah versuchte zu entfliehen, aber das Monster war viel, viel schneller als sie. Und so trieb es Sarah langsam auf das dunkele Haus zu. Sarah schluchzte und weinte, aber es half ihr nichts. Die Türe des dunklen Hauses hatte sich unbemerkt geöffnet. Und im nächsten Moment war Sarah im Haus verschwunden und die Tür fiel laut krachend zu.“

Lisette und Lysander hielten beide den Atem an, dann keuchten sie. „Und dann? Was war dann? Wurde Sarah gerettet?“, schossen die Fragen aus ihnen heraus.

„Nun, als endlich Hilfe eintraf — blieb das Haus einfach dunkel. Man versuchte sogar, mit Gewalt hineinzugelangen, aber es fand sich kein Weg, Sarah zu retten.“

Lisette fing leise an zu Schluchzen.

„Dann, mit dem ersten Morgenrot stand sie plötzlich da. Die schwere hölzerne Türe des dunklen Haus hatte sich noch einmal geöffnet, und ein Mädchen war herausgetreten. Sie sah aus wie Sarah. Auch ihre Stimme klang wie die von Sarah. Doch alle waren sich sicher das es nicht die echte Sarah wäre. Das Mädchen lebte von da an an Sarahs Stelle im Ort, bei ihren Eltern. Doch es umgab sie für alle Tage etwas Dunkles. Und nie wieder hat sie irgendjemandem einen Streich gespielt.“

Aideline nahm einen weiteren Schluck Tee, bevor sie hinzufügte: „Und obwohl sie von da an nett und hilfsbereit war und niemandem je etwas Böses antat, hatten alle Furcht vor ihr. “

Familiengeheimnisse

Als die Kinder endlich ihre Großmutter wieder verließen hatte bereits der neue Tag begonnen. Die schwere Türe öffnete sich wie am Tag zuvor ganz von alleine. Sie winkten Aideline zum Abschied fröhlich zu. Dann warfen sie einen letzten Blick auf das alte, dunkle Haus, auf die Bäume die es überschatteten und den Hügel dahinter und machten sich munter auf den Heimweg. Sie würden ihre Großmutter Aideline jetzt ganz sicher öfter besuchen.

Die dunkelrot leuchtenden, starrenden Augen der im Unterholz verborgenen mächtigen Gestalt bemerkten sie nicht.

Ende

Widmung

Für Frida, Summer und Estelle.